ART ALIVE

PARALLELE Welten

Wenn zeitgenössische Kunst eine nüchterne Bühne betritt

Zeitgenössische Kunst ist prinzipiell nicht mein Terrain. Kunstmessen sind es noch weniger. Aber die Frage nach der Inszenierung von Kunst – die liegt mir sehr am Herzen. Umso interessanter klingt das Konzept der PARALLEL VIENNA, als Kunstmesse leerstehende Gebäude als Austragungsort zu nutzen. Zum 8. Mal geht die Messe dieser Tage über die Bühne – oder besser: über die Büros des ehemaligen WKO-Gebäudes – und ich hatte die Möglichkeit, einen Spaziergang durch die rund 166 Projekte & Ausstellungsräume zu machen (Danke an die PARALLEL für die Einladung!).

Im BÜRO: Kunst als ALTERNATIVE

Kunst an einem kunstfremden Ort zu präsentieren klingt vielversprechend: Kontraste, die sich aus Kunst und Bühne ergeben, können die Wirkung verstärken, ebenso mit neuen Ebenen ergänzen. Gleichzeitg bietet zeitgenössische Kunst, die in vielen Fällen noch niemals präsentiert wurde und gleichzeitig in vielen Fällen alles andere formal klassisch ist, viel Material und Flexibilität in Bezug auf neuen Bühnen. Wir haben es also mit einem spannenden Paar zu tun!

Das ehemalige Gebäude der WKO am Rudolf-Sallinger-Platz gleich neben dem Stadtpark bietet eine saubere, unaufdringliche, trockene Ästhetik der 90er bis 00er Jahre und gleichzeitig unzählige, teils winzige Bürozellen. Von der hallenartigen Backstein-Grandezza anderer Kunstmessen fehlt jede Spur. Dies ist sicherlich bewusst in Kauf genommen, zumal die PARALLEL ja eine ALTERNATIVE sein will – und das auch zur gängigen Präsentationsästhetik. Doch ist die ALTERNATIVE gut? Funktionieren das Spiel mit dem Kontrast zwischen Kunst und Büro in der PARALLEL 2020?

Nun, ganz unterschiedlich und unterschiedlich gut.

Das Auditorium als BÜHNE

PARALLEL VIENNA / Hauptausstellung

Die Hauptausstellung der PARALLEL VIENNA findet im ehemaligen Auditorium der WKO statt: Ein Raum, der mit viel modernem Licht sowie einer organisch geformten Empore ausgestattet ist, bietet die Bühne für einen immensen Hermann Nitsch sowie junge Skulpturen. Performances finden hier auch statt. Eine davon wurde von BJ NILSEN durchgeführt, der den Saal mit elektromagnetischen Energiesounds buchstäblich zum Beben brachte.

An dieser Stelle leider sogleich eine Kritik: Schon 2018 nahmen die sogenannten „alten Meister“ österreichischer Nachkriegskunst prominente Plätze in der PARALLEL ein. Die Frage nach dem WARUM taucht fast reflexartig auf: Was tut ein Hermann Nitsch auf der PARALLEL? Natürlich könnte man seine Werke in Relation zu den jungen Werken stellen, jedoch passierte das weder 2018 noch 2020. Im Auditorium wirkt sein Schüttbild dieses Jahr wie dekorative Staffage – wie ein alter, aufwertender Geist, der über allem wacht. Es braucht aber weder einen Geist noch Dekoration noch Aufwertung.

WAND und RAUM

Die Kunst, die bei der PARALLEL gezeigt wird, bietet alles: Vom klassischen Gemälde zur raumfüllenden Installation, vom rein zweidimensionalen Visual hin zum audio-visuellen, performativ aufgeladenen Raum. Es gibt Kunst, die die WKO-Bühne völlig ignoriert und als Wand benutzt, als auch Kunst, die die WKO-Bühne völlig ignoriert und sie komplett verkleidet. Ersteres ist nicht allzu interessant – es sei denn die Kunst ist es. Eine solche findet man bei Petra Zechmeister mit ihrer Serie von verlassenen, wüstenartigen Ortsdarstellungen. Auch Christa Kempfs Werke sind in sich geschlossen gesehen sehr spannend, reagieren aber kaum auf ihren Ausstellungsraum. In eine ähnliche Kerbe schlagen Simon Iurino, seines Zeichens Preisträger des Bildrecht Young Artist Awards, und Emanuel Gollub. Ersterer platziert seine Bilder und Objekte (in FACTION Blau), der zweite erregt Aufmerksamkeit mit seiner organischen, auf Hirnströme der BesucherInnen reagierenden Skulptur (siehe Video unten). Auch die Krinzinger Projekte (allen voran Rosmarie Lukasser) verwenden den Raum als passive Bühne und nicht als aktiven Bestandteil ihrer Werke. Sie sind deswegen aber nicht weniger relevant, wie Lukassers Skulptur ANNÄHERUNGEN AN „…BIN IM NETZ 3.0/F1“ zeigt.

Immersiver DIALOG

Spannender wird es allerdings, wenn die Kunst sich an ihren Raum anschmiegt, sich immersiver gibt. Die Objekte von Ivana Kralj zum Beispiel befinden sich direkt in alten Aktenregalen, die perfekte Symbole tugendhafter und höchst kleinkarierter Ordnung sind. Die Künstlerin platziert ihre organischen, korallenartigen Miniaturskulpturen in jenen Regalen und fügt ihrer Kunst so eine weitere optische wie inhaltliche Ebene hinzu. Barbara Moura geht noch einen Schritt weiter und verwandelt mit ihrer Installation sowie den Gemälden den Raum in ein tristes, summendes und Wes-Anderson-esques Wohnzimmer.

VEREINNAHMUNG der Bühne

Und dann gibt es jene Kunst, die sich auf den Raum drauflegt: Die multimediale Installation THE PARADISE CARRIES IST PACKAGE von Anna Francesca, Martin Sommer, Egor Urakov und Hanna Besenhard hat den Boden zu einem Milch-Becken gemacht, der über Steine beschritten werden kann. Weitere Bestandteile sind ein Film, Skulpturen, Projektionen und ebenso eine Audiobegleitung. Das Becken zieht einem buchstäblich den Boden unter den Füßen weg, so sehr zieht der Film alle Aufmerksamkeit auf sich. Alle Elemente funktionieren sehr gut als Einheit (man bedenke dabei, dass sie von vier verschiedenen KünstlerInnen stammen) und verwenden die Ästhetik des Büros als fahle Tapete, als verstärkenden Rahmen.

Eintauchen ins VERSTECK

Ganz klare Wege schlagen nur wenige ein, dafür betritt man in diesen Fällen eine andere Welt: Das Nouveaux Riches Magazin sowie der Künstler Florian Raditsch haben ihre Räume völlig verkleidet und neue Welten geschaffen. Zufälligerweise verfolgen beide dabei eine ähnliche Ästhetik neon-artiger Farben und klarer, teils komplementärer Kontraste. In beiden Fällen begibt man sich in einen magischen, vom WKO-Gebäude völlig entkoppelten Raum – eine eigenartige, PARALLELE Welt tut sich auf. Needless to say: Hier ist der FACTION FACTOR ein sehr hoher, hier liegt Magie in der Luft. Das Nouveaux Riches Magazin setzt zusätzlich auf eine schräge Audiobegleitung und Beduftung, was das gesamte Erlebnis nochmal verstärkt: Eine künstliche Oase, eine ironisch aufgeladene Spa-Kapsel ist das wirklich gelungene Resultat. Florian Raditschs Raum hat bei näherem Betrachten nicht nur eine optisch ansprechende Ebene sondern auch inhaltliche bzw. politische Schwere. Entlang der Wand zieht sich nämlich eine Linie, die die Grenze zwischen den USA und Mexiko darstellt. Die Gesichter auf den Gemälden referieren auf alte mexikanische Skulpturen. Die Koje ist gefüllt mit Sand und Kakteen. Jedes weitere Wort zum Inhalt würde der Poesie an dieser Stelle keinen Gefallen tun, deswegen genug der Worte.

PARALLELE Welten – present and future

Die parallelen Welten der PARALLEL VIENNA sind mannigfach: Vom sanft sachlichen Besetzen der nüchternen Wände über die Suche nach dem Dialog mit dem Ort bis hin zur vollkommen dominanten Vereinnahmung der Gebäudesubstanz bietet die Kunstmesse zahlreiche Positionen. Einige davon wirklich gelungen, zahlreiche – für meinen Geschmack was die Bezugnahme auf den Ort angeht – etwas zu zögerliche Positionen. FACTION entsteht dort, wo Risiko eingegangen wird, wo Welten AUFEINANDERPRALLEN, wo Statements STARK sind. Für jene zahlreichen lauen Positionen ist aber vielleicht auch die Ästhetik des Gebäudes zu schwach. Vielleicht braucht es einfach ein härteres Bühnenbild. Die Zellen zu zahlreich, und eigentlich zu gut erhalten. Mein Wunsch für 2021: Ein völlig anderer Gebäudetypus, eine Schale, die noch viel mehr aus einer eigenen Welt kommt und das durch eine stärkere, präsentere Ästhetik versprüht.

Bei aller Zögerlichkeit ist aber klar: Die Suche nach FACTION wird belohnt – so Einiges darf man sich nicht entgehen lassen. 166 Welten auf 7 Etagen haben viel zu bieten. Am Ende erwartet einen ein Gin Tonic auf der Dachterasse mit atemberaubenden Blick auf Wiens Innenstadt. Kleiner Tipp: Die artsy Gespräche auf jener Dachterasse sind auch sehr #TheSquare (Sound on!).
Ivana
Madame F

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