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Simply beautiful! CHANEL im Palais GALLIERA

Ensemble (Detail) / Spring-summer / 1926 / Paris, Patrimoine de Chanel
Ausstellungsansicht / Coco Chanel / Palais Galliera / 2021
Ausstellungsansicht / Coco Chanel / Palais Galliera / 2021

Coco Chanel im Palais Galliera ist vor allem eines: Ein gelungener Coup! Das Pariser Modemuseum eröffnet nach jahrelangen Ausbau- & Renovierungsarbeiten mit der ersten Retrospektive, die dem Lebenswerk Coco Chanels gewidmet ist. Richtig gelesen: Trotz des Booms von Modeausstellungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat es bisher keine große Chanel Ausstellung gegeben. Das Palais Galliera feiert nun Gabrielle Chanel, ihr „Manifeste de Mode“, ihre Revolutionen und Klassiker in einer umfassenden Schau, die sich sehen lassen kann.

CHANEL – what else!

Ausstellungsansicht / Coco Chanel / Palais Galliera / 2021
Ausstellungsansicht / Coco Chanel / Palais Galliera / 2021

Das bisherige Ausstellungsarchiv des Palaias Galliera kann sich wirklich sehen lassen: Ob Mariano Fortuny, Balenciaga, Anatomy of a collection, Jeanne Lanvin, Madame Grès, The 50s – viele große Kapitel und Karrieren sind bisher gezeigt worden (Hier geht es zum vollständigen Archiv). In der langen Reihe großer monographischer Ausstellungen von Modedesigner*innen fehlte dem Pariser Museum eigentlich nur noch Mademoiselle Chanel.

Und der Coup ist wahrlich gelungen: Das Palais Galliera zeigt – Corona-bedingt im Übrigen acht Monate später als geplant – nun rund 350 Ausstellungsstücke auf 1500 Quadratmetern und zwei Etagen. Zahlreiche nationale wie internationale Sammlungen, Sammler*innen sowie die eigenen Bestände machen es möglich.

Ausstellungsansicht / Coco Chanel / Palais Galliera / 2021
Ausstellungsansicht / Coco Chanel / Palais Galliera / 2021

GALLIERA - alles ganz neu?

Die zahlreichen Ausstellungen im Palais Galliera waren ausnahmslos fabelhaft. Das Museum hingegen war in seinen dramaturgischen, edukativen und architekturalen Ansätzen immer zurückhaltend um nicht zu sagen altmodisch. Die Exponate waren toll, die Art, wie das Museum seine Schauen konzipierte und zeigte war immer etwas demodé: Brave, chronologische Rundgänge, große Vitrinen und zahlreiche Wandtexte entführten das Fachpublikum damals in die großen Kapitel der Modegeschichte. Man tauchte in andere Modewelten ein, wurde dabei aber selten überrascht sondern brav an der Hand genommen.

Brav war das Palais Galliera damals. Brav – aber um einiges neuer – ist es heute. Das Museum ist von Grund auf erneuert, seine Ausstellungsfläche fast verdoppelt worden. Doch der altmodische Grundton ist geblieben: Von digitalen Experimenten oder einer mutigen Ausstellungsarchitektur fehlt leider nach wie vor jede Spur. Eine Chance ist hier ganz klar verpasst worden: Das Museum ist grundüberholt, es ist aber nicht auf den neuesten Stand der Dinge gebracht worden. Der Anstrich ist frisch – die Ideen sind es nicht.

Ausstellungsansicht / Coco Chanel / Palais Galliera / 2021
Ausstellungsansicht / Coco Chanel / Palais Galliera / 2021

Wie die MODE so die ARCHITEKTUR

Ich bin prinzipiell eine große Liebhaberin von mutigen Ausstellungskonzepten. Von mir aus dürfen sich Architektur und Dramaturgie schon Einiges trauen. Doch aufdringliche Elemente, dramatische Perspektiven oder gar eine exaltierte Bühne sucht man bei Chanel im Palais Galliera vergeblich.

Doch ich muss zugeben: Die zurückhaltende Ausstellungsdramaturgie entspricht zwar nicht meinem extravaganten Geschmack. Jedoch entspricht sie sehr wohl dem, was Chanel braucht: Eine ruhige, neutrale und elegante Atmosphäre. Sie ist es, die ihrer Mode die perfekte Bühne bietet.

60 Jahre Mademoiselle Chanel

Coco Chanel begann ihre Karriere um 1910 als bescheidene Modistin und beendete sie als lebende Legende 1971. Die Ausstellung zeichnet ihre Karriere chronologisch nach und teilt – nicht nur architekturbedingt – ihre über 60 Jahre lange Schaffenszeit in zwei (revolutionäre) Kapitel. Ihr Lebenswerk entstand in über sechs Jahrzehnten – den Zeitgeist und die Mode allerdings prägte sie mit ihren Kreationen vor allem in den 10er/20er und den 50er/60er Jahren.

2 Kapitel – 2 Revolutionen

In beiden Epochen wandte sich Gabrielle Chanel von der herrschenden Mode ab und konfrontierte ihre vorwiegend männlichen Designer-Kollegen buchstäblich mit ihren Gegenentwürfen. In den 10er Jahren waren es die Entwürfe Paul Poirets, die sie ob ihres kostümartigen, extravaganten Stils und der bewegungseinschränkenden Schnitte verachtete. 1947 wiederum machte Christian Dior seinen New Look zur herrschenden Silhuette, die mit ihrer Wespentaille ebenso beeinträchtigend und altmodisch war wie mit ihrem Gewicht, das durch zahlreiche Meter Textil und viele Unterröcke zustande kam.

Beide Moden empfand Chanel trotz ihrer großen Beliebtheit als zutiefst unmodern und konterte mit leichten, entspannten, funktionalen und höchst eleganten Schnitten & Stoffen. In beiden Jahrzehnten wollte sie die moderne, emanzipierte und mobile Frau einkleiden, nicht die Dame der Gesellschaft, die den eigenen Salon höchstens verlässt, um in der Oper Platz zu nehmen und dabei als prunkvolle Dekoration ihres Gatten zu fungieren.

Chanel & die Kunst

Weitere Kapitel der Ausstellung widmen sich Chanels Verbindungen zu Künstler*innen wie Jean Cocteau, der sie porträtierte und dessen Stück „Antigone“ sie mit Kostümen versorgte. Auch die berühmt-berüchtigten Zeichnungen des Karikaturisten Georges Goursat, besser bekannt unter seinem Künstlernamen „Sem“, sind zu sehen.

Das IMPERIUM Chanel

Chanels finanziell größten Coup ist ebenfalls ein Raum gewidmet: Das Parfum „Chanel No 5“ ist mit seinen zahlreichen, historischen Flacons ausgestellt. Und: Ganz überraschend wurde der kleine, helle Saal auch vertont von einer ebenso wahrscheinlich berühmt-berüchtigten Stimme: Alle paar Minuten ertönt jene Stelle des Interviews, in dem Marilyn Monroe erklärt, sie trage nur Chanel No 5 wenn sie schläft: „… `cause it’s … it’s the truth!“ haucht sie mit ihrer kindlich-naiven und zugleich erotischen Stimme.

Les CODES Chanel

Ausstellungsansicht / Coco Chanel / Palais Galliera / 2021
Ausstellungsansicht / Coco Chanel / Palais Galliera / 2021

Betritt man die untere Etage der Ausstellung, so offenbaren sich nicht nur die 60er Jahre sondern vor allem die Verfestigung von Coco Chanels Stil. Der unverkennbare beige-schwarze Kontrast ihrer Mode, das Sakko oder besser „le tailleur“ Chanel, die beigen Pumps mit schwarzer Kappe, die gesteppte Ledertasche mit dem abstrakten Namen „2.55“ oder auch der unverkennbare Schmuck – sie alle sind nicht nur die Codes von Chanel sondern mittlerweile Klassiker der Mode des 20. Jahrhunderts. Wir alle kennen sie – ob aus den Chanel Shops, von zahlreichen anderen Modehäusern oder auch vom H&M und von Zara. Es ist müßig festzuhalten, dass es nochmal ein ganz anderer Genuss ist, die (historischen) „Originale“ zu erleben.

Einzigartig EMOTIONAL

Ich bin kein besonders emotionaler Mensch. Aber an mehreren Stellen in der Ausstellung hätte ich vor Glück weinen können. Mon dieu! Ich kenne Chanel. Ich kenne zahlreiche Kleider und Key Pieces. Ich kenne alle Coco Codes. Aber die geballte stilistische Kraft Chanels so konzentriert an einem Ort zu erleben – das ist wahrlich einzigartig. In ihrer strahlenden und gleichzeitig zurückhaltenden Eleganz ist Chanels Lebenswerk von unglaublicher Schönheit – und dabei atemberaubend zeitlos.

Suit with Jacket, Bluse and Skirt / 1962 / Coco Chanel / Palais Galliera / 2021 / Hasselt (Belgium) Modemuseum
Suit with Jacket, Bluse and Skirt / 1962 / Coco Chanel / Palais Galliera / 2021 / Hasselt (Belgium) Modemuseum

Über die FACTION von CHANEL

Die FACTION, die sich in der #ExpoChanel entfaltet, ist einzigartig. Jedoch geht sie kaum von der Ausstellung selbst aus – vielmehr von der ausgestellten Mode. Die zeitliche & stilistische Dichte der Exponate ist sagenhaft: Mitten in der Mode, mitten unter den kultigen Kleidungsstücken entfaltet sich die ganze Poesie der Schau. Die einzige Stelle, an der die Dramaturgie etwas nachhilft, ist jener kleine Raum, der No 5 gewidmet ist. Dies ist die einzige Ort, der die ansonsten sehr illustrative Ästhetik der Ausstellung verlässt und ein umfassendes Erleben von Chanels Geschichte ermöglicht. Oder besser gesagt einen kleinen aber kultigen Moment ihrer Geschichte zum Leben erweckt.

Ausstellungsansicht / Coco Chanel / Palais Galliera / 2021
Ausstellungsansicht / Coco Chanel / Palais Galliera / 2021
Chanel im Palais Galliera ist nicht nur einfach die erste Retrospektive von Chanel. In ihrer Dichte und Ruhe entführt sie einen regelrecht in die Welt Coco Chanels. Bis 18. Juli ist sie noch zu sehen. Und wer es bis dahin nicht nach Paris schafft, den bezaubern hoffentlich meine zahlreichen Fotografien der einfach fabelhaften Ausstellung.
Ivana
Madame F

Mehr Infos zur Ausstellung gibt es auf der Website des Palais Galliera.

Zur Ausstellung ist auch ein ganz fabelhafter Katalog entstanden.

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