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Glam Transitions – ELFIE SEMOTAN im KUNST HAUS WIEN

Elfie Semotan Header

Ansicht aus der Ausstellung ELFIE SEMOTAN im KUNST HAUS WIEN

Elfie Semotan im KUNST HAUS WIEN – was für eine wohltuende Kombination! Das Museum Hundertwasser ist immer für eine Überraschung gut – eine große Retrospektive von Semotans Werk ist der neueste Coup. Anlässlich des 80. Geburtstags der Fotografin zeigt das Museum 150 glamouröse Fotografien aus rund sechs Jahrzehnten ihres Schaffens.

Von WIEN über PARIS nach NEW YORK

Wien ist nicht gerade ein Hot-Spot international erfolgreicher Karrieren in Sachen Mode. Selbstverständlich gibt es einige wenige glanzvolle Ausnahmen. Diese bestätigen allerdings die Regel. Und Elfie Semotan ist so eine glamouröse Ausnahme: Jung ging sie mittellos nach Paris, um zunächst als erfolgreiches Model zu arbeiten. Doch schnell wechselte sie die Fronten und machte sich einen Namen als Fotografin. Ihre Kampagnen für die Vogue, I-D, Elle oder den New Yorker machten sie schnell bekannt.

Fotografien in der Ausstellung ELFIE SEMOTAN im KUNST HAUS WIEN

Über MODEFOTOGRAFIE schreiben

Über (Mode)Fotografie zu schreiben ist nicht einfach: Wir alle erkennen sofort ein Bild von Herb Ritts oder Jürgen Teller. Doch warum eigentlich? Nun, über einen fotografischen Stil zu schreiben ist nicht einfach. Es ist sogar wesentlich schwieriger als über Malerei zu schreiben wie ich finde.

Sehr oft wird gerade bei Elfie Semotans Fotografien davon gesprochen, sie würden die Persönlichkeit der Abgebildeten in den Vordergrund rücken. Sie würden nicht so sehr an der Abbildung der Mode bzw. deren Werbewirksamkeit festhalten. Vielmehr sei Elfie Semotan am Charakter der Porträtierten interessiert.

Ausstellungsansicht
Ausstellungsansicht

Fotografie, die ihre GRENZEN verlässt

Nun, diese Sätze sagen viel und irgendwie auch wenig aus. Und auch wenn ich dem Gesagten prinzipiell nur vollends zustimmen kann, so muss ich sagen: Das ist es nicht, was ihre Bilder für mich einzigartig macht. Mir geht es nicht um bekannte Perspektiven & Fragestellungen – vielmehr um das Aus-der-Reihe-Tanzende. Um Grenzüberschreitendes. Um FACTION. Und dessen gibt es wahrlich genug bei Elfie Semotan im KUNST HAUS WIEN.

MALEREI als VorBILD

Fotografien in der Ausstellung ELFIE SEMOTAN im KUNST HAUS WIEN
3 Fotografien, alle: o. T. (Präffaeliten), New York, 2002, (c) Elfie Semotan

Ein Spaziergang durch die Ausstellung ist in erster Linie ein Fest für die Augen. Selten schaut man auf die Titel, ist man doch ohnehin fasziniert vom Visuellen. Doch einige Modefotografien erstaunen ob ihrer Requisiten und Posen, sodass der Blick doch auf den Titel fällt. Es sind die Porträts, die per „o.T.“ zwar nicht direkt betitelt aber sehr wohl über den Zusatz „Präffaeliten“ beschrieben sind. Die Präraffaeliten waren eine Gruppe von Malern, die mit Renaissance-inspirierten Gemälden Mitte des 19.Jahrhunderts von sich reden machten. Ihre Frauenporträts zeichneten sich durch eine gewisse mystische Nostalgie, klassisch-literarische Vorbilder und eine – sagen wir einmal – emotional aufgeladene Poesie aus.

Fotografie in der Ausstellung ELFIE SEMOTAN im KUNST HAUS WIEN
o. T. (Präffaeliten), New York, 2002, (c) Elfie Semotan

Und genau das findet man auf den Fotos von Elfie Semotan: Literarisch-kunsthistorisch bedeutsame Requisiten wie Früchte, poetisch drapierte (Trauer-)Schleier und eine Stimmung, die an emotionale Exaltiertheit grenzt. Ein Spatel funktioniert darüber hinaus als direkter Verweis auf die Malerei als Inspiration. Ja, Fotografie ist hier mehr als Werbung für Kleidung. Und ja, die Abgebildete ist hier nicht nur Model. Sie ist aber auch nicht „nur“ sie selbst, sie ist vielmehr eine Ode an die Malerei und Literatur. Über Werbung denkt man hier kaum nach, vielmehr über das Foto als Gemälde, über eine Transition von der Fotografie hin zur Kunstgeschichte und Literatur.

Mehr KUNST, mehr SCHWERMUT

Das KUNST HAUS WIEN zeigt: Elfie Semotan nimmt sich auch anderer Malerei an. Einer Malerei, die mit den Präraffaeliten allerdings nur die Nostalgie und Schwermut gemeinsam hat und nicht viel mehr: Die Rede ist von der Kunst LUCIEN FREUDS. Seine tief in Beige-Töne getauchten, erbarmungslos realistischen und oft melancholischen Porträts sind in den vergangenen Jahrzehnten entstanden und haben auch ob ihrer schiefen PERSPEKTIVEN und eigenartigen Blickwinkel mittlerweile Kultstatus. Man denke nur an die Porträts von Kate Moss oder Queen Elisabeth.

Fotografie in der Ausstellung ELFIE SEMOTAN im KUNST HAUS WIEN
o. T. (Inspiriert von Lucian Freud), Wien, 1997, (c) Elfie Semotan

Ebenso LETHARGISCH, EMOTIONAL und perspektivisch VERZERRT dargestellt sind die beiden abgebildeten Personen auf Elfie Semotans Fotografie im KUNST HAUS WIEN. Ein miteinander vertrautes Paar liegt auf dem Bett, wobei ein Mann in Unterwäsche zu schlafen scheint, während ein anderer Mann sich nachdenklich dazugelegt hat und sanft das Bein des Schlafenden berührt. Das Bild ist ganz in den Farbtönen Lucien Freuds gehalten. Die Farben schwanken zwischen weiß, beige, grün-grau und blau – auch sie erinnern ganz klar an die Palette Freuds.

Kult & Kino: ODE & ZITAT

Doch nicht nur die Malerei auch die FILM- UND KULTURGESCHICHTE sind Inspirationen für Elfie Semotan, wie man im KUNST HAUS WIEN sehen kann. Dies zeigen beispielsweise die Fotografien mit Modell Natalia Vodianova, die den Film Bad Seed und John Waters zitieren. Ihre erschrockenen, manchmal erstarrten oder sogar angewiderten Gesichter scheinen direkt aus dem Film aus dem Jahre 1956 zu stammen.

Fotografie in der Ausstellung ELFIE SEMOTAN im KUNST HAUS WIEN
o. T. (Inspiriert von einem Foto von Peggy Guggenheim), Americana, Wien, 2018, (c) Elfie Semotan

Und auch Peggy Guggenheim taucht bei Elfie Semotan im KUNST HAUS auf – ohne selbst aufzutauchen. Aber die auffällige, grell-grüne Brille gepaart mit einem glamourös-exaltierten Outfit, toupierter, kurzer Frisur und einem liebevoll umarmten Hund sprechen Bände über den kultigen Look der Exzentrikerin Guggenheim. Modefotografie ist hier ODE UND ZITAT. Und noch einmal wahrlich mehr als brachiale Werbung. Fotografie traut sich hier in den Bereich von KULT & KULTURGESCHICHTE und überschreitet einmal mehr die ihr in den 90er & 00er Jahren noch oft zugewiesene Grenze.

Unter KOLLEG*INNEN

Und auch vor ihren Fotografie-Kolleg*innen macht Elfie Semotan nicht Halt: Diane Arbus‘ Motive werden ebenso zitiert wie Robert Franks Fotografien.

Fotografie von Elfie Semotan
o. T. (Inspiriert von Diane Arbus), Americana, Wien, 2018, (c) Elfie Semotan

Arbus‘ EXZENTRIKER*INNEN

Nach einer ersten Station als Modefotografin machte sich Diane Arbus in der 60ern einen Namen als Reportagefotografin. In jener Zeit bekam ihre Fotografie einen sozialkritischen Fokus: Sie fotografierte Obdachlose, sozial benachteiligte Menschen, Prostituierte, Nudisten, Zirkusartisten oder auch Trans*Personen. Das weltbekannte Foto „A Young Man in Curlers at Home on West 20th Street“ (N.Y.C. 1966) von Arbus stand Semotan direkt Pate bei deren Foto, das keinen Titel aber sehr wohl die Beschreibung „inspiriert von Diane Arbus“ hat.

Reise nach AMERIKA

Fotografie in der Ausstellung ELFIE SEMOTAN im KUNST HAUS WIEN
o. T. (Inspiriert von Robert Frank), Americana, Wien, 2018, (c) Elfie Semotan

Robert Franks Americana hat es Elfie Semotan ebenfalls angetan: Eine riesige amerikanische Flagge spannt sie groß über ein zumindest österreichische wahrscheinlich sogar wienerische Zinshaus-Fassade. Die Models stammen ebenso eher aus New York als aus Wien. Gekonnt zitiert Semotan Robert Franks amerikanische Nostalgie und Bildsprache und erweckt sie mitten in Österreich bzw. Wien zu neuem Leben.

Glamouröse TRANSITION

Ansicht aus der Ausstellung ELFIE SEMOTAN im KUNST HAUS WIEN

Auch in diesen zwei Beispielen holt Elfie Semotan im KUNST HAUS WIEN eine andere Welt (in dem Fall ein wichtiges Fotografie-historisches Kapitel) in die Welt der Modefotografie und lässt beides elegant miteinander verschmelzen. Ihre Modefotografie setzt sie so einem permanenten Übergang in einer andere Welt aus. Und seien wir ehrlich: Diese glamouröse Transition tut der MODEFOTOGRAFIE sehr gut.

Elfie Semotans Fotografie ist nicht nur Werbung, nicht nur Abbild von Persönlichkeit, sondern kulturhistorisches, kunsthistorisches oder auch sozialkritisches ZITAT. Und nimmt dabei mitten in diesen Bereichen ihren wichtigen PLATZ ein.

Es bleibt nur noch zu sagen: Ab ins KUNST HAUS WIEN! Weder Elfie Semotan noch das Museum wird dich enttäuschen.
Ivana
Madame F

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