ART ALIVE

WARHOL im mumok: Eine EINZIGARTIGE Geschichte?

Über die feine Brise FACTION in der Ausstellung #AndyWarholExhibits

Ich bin sicher, viele von euch waren schon einmal in einer Andy Warhol Ausstellung. Schließlich heißt es ja immer wieder: „Warhol zählt zu den bekanntesten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts“* – jo eh. Und ja, tut er. Jeder kennt ihn, seine Marilyns und seine Suppendosen. Warum also eine weitere Retrospektive besuchen? Nicht falsch verstehen: Jede Ausstellung ist prinzipiell sehenswert, wenn man sich für Kunst interessiert. Doch wann ist eine Ausstellung richtig gut? Wann ist sie FACTION?

Ganz einfach. Wenn zwei Dinge gegeben sind:

1) Die Dramaturgie und Inszenierung der Ausstellung sind atemberaubend und einzigartig.

2) Eine Geschichte wird erzählt, die noch nie erzählt wurde.

Das Wiener mumok zeigt mit #AndyWarholExhibits mehrere Ausstellungen, die alle um das Werk Warhols kreisen. Um die Dinge so pur wie möglich auf mich wirken zu lassen, besuche ich Ausstellungen, ohne mir vorab Infos zu holen. Ohne Presseartikel und Ausstellungsfolder zu lesen. Einfach durchspazieren und die Ausstellung genießen – das ist das Ziel.

Nun, im mumok stellt einen diese Herangehensweise zunächst vor verwirrende Tatsachen. Wo anfangen – das ist innerhalb der sehr eigenen Ausstellungsarchitektur immer die Frage.

Sobald frau sich dann etwas ratlos für Ebene 0 entscheidet, begrüßt sie zunächst eine gähnend leere Halle – und frau sieht nicht ein einziges Werk. Denn: (Fast) alles liegt säuberlich in Vitrinen ausgestellt. Der Wandtext schafft Abhilfe und erklärt gottseidank: Mit seinem Fokus auf Warhol hat das mumok viel vor. Es möchte hinter die Warhol-Fassade blicken, seine selten gezeigten Arbeiten ausstellen, ihn als Kurator & Installationskünstler beleuchten, seine Beschäftigung mit Geschlechteridentitäten illustrieren, eine weitere Ausstellung präsentieren, die frisch nach Warhols historischen, kuratorischen Prinzipien kuratiert ist, und darüber hinaus eine neue Sammlungspräsentation der eigenen Pop Art Werke zeigen. Now, that’s a lot! Man blickt sich um und sieht eigentlich zuerst einmal nichts.

Nicht aufgeben lautet die Devise.

À la RECHERCHE du Warhol Perdu

Freilich ist das nur der erste Eindruck, denn die zahlreichen Vitrinen offenbaren dann doch tolle Schätze. Andy Warhols Schuhzeichnungen, 1956 schon als Kunstwerke in einer Galerie ausgestellt (und nicht nur für die Vogue gemacht, wie oft kolportiert), lachen einen bunt und mit ironischen Kommentaren versehen an. Der Titel der Serie lautet – mein Herz schlägt entzückt ein wenig schneller – À la Recherche du Shoe Perdu in Anlehnung an Marcel Prousts Klassiker.

Das Ladies Alphabet zeigt fabelhaft ironische Zeichnungen von verschiedenen Frauen(typen) und nimmt schmunzelnd die ein oder andere New Yorker Drag-Prominenz der 50s mit.

Warhols Serie Fifteen Drawings based on the Writings of Truman Capote offenbaren tolle Zeichnungen: sehr elegant, formal reduziert und wahnsinnig eindrucksvoll.

NEUES & BEKANNTES - ein Genuss

Eines der Ausstellungsziele ist fabelhaft geglückt: So viel selten Gezeigtes, Neues und Unbekanntes lacht einen selten in Warhol-Ausstellungen an. Man verlässt den ersten Raum, der zunächst so gar nicht beeindrucken wollte, doch voller neuer Eindrücke und macht sich auf den Weg, die zweite Hälfte der Ausstellung zu erkunden. Diese strotzt dann doch vor lauter Bekanntem und Plakativem. Zunächst spaziert frau durch die rekonstruierte, historisch belegte Ausstellung der tapezierten Kuhköpfe, um dann bei den Silver Clouds zu landen. Very simple, very instagramable.

Weiter geht es zu seinen selten ausgestellten, kultigen Filmen, die – so wie es auch von Warhol selbst in den 70s & 80s kuratiert wurde – von seinen bunten Siebdrucken flankiert werden.

Das Multimediaspektakel Exploding Plastic Inevitable nimmt einen – nach dem Original-Raum 1966/67 rekonstruiert – in Warhols dekadente Welt von Velvet Underground, Nico et altri mit.

Gerade diese beiden Teile der Ausstellungen entführen einen sehr gut in die New Yorker Welt Warhols und machen die FACTION seines damaligen Universums sehr lebendig.

Darüber hinaus finden auch seine Kinderbilder (Werke aus einer Ausstellung von 1983), Fotografien der 80s oder auch die pornografisch expliziten Sex Parts von 1978 unter anderem ihren Platz.

Ist schon SCHLUSS?

Und dann ist frau auch plötzlich schon wieder draußen. Irgendwie zu schnell am Ende der Geschichte angelangt. Man fragt sich: War‘s das schon?

Nein eigentlich nicht, denn es erwarten einen daraufhin noch zwei weitere Ausstellungen, die an Andy Warhol Exhibits anschließen: Defrosting the Icebox, eine kleine, etwas skurrile Schau, die die Ausstellungsprinzipien von Warhol imitiert, indem sie selten gezeigte Werke des Kunsthistorischen Museums sowie deren Transportboxen und Ausstellungsinnenarchitektur ins mumok geholt hat.

MEHR Ausstellungen, MEHR Warhol, MEHR Pop Art

Und bei Misfitting together, einer Sammlungspräsentation einiger Bestände des Museums, kann man Werke der Künstler Claes Olderburg, Roy Lichtenstein, Donald Judd, Sol LeWitt und anderen Protagonisten der 60s sehen.

Beide Ausstellungen flankieren auf ihre Art den Kosmos Warhols – und bringen jede für sich nochmal ganz andere innenarchitektonische Lösungen mit. Beide spannend – beide allerdings auch sperrig. Im wahrsten Sinne des Wortes nur schwer zugänglich, wobei daran vor allem die Architektur und das sehr dezente Leitsystem schuld sind.

Also: Bringt viel Warhol viel FACTION?

Was von all dem bleibt sind viele Ausstellungsziele und genauso viele Werke. Viele neue Eindrücke, gehaltene Versprechen und irgendwie auch eine gehörige Portion Chaos. Ob #AndyWarholExhibits sehenswert ist? Ja, sicher. Seltenes ist dort zu entdecken – unter anderem sogar rekonstruierte, historische Ausstellungen. Das gibt es nicht oft.

Ob die Ausstellung FACTION ist? Nein, keineswegs. Frau wird begrüßt von einer muffigen Halle voller Vitrinen – von Zauber kann keine Rede sein. Und wenn doch, dann liegt der Zauber im ganz Kleinen. Denn im mumok sorgt Warhol selbst für ironische Magie & elegante Überraschungen. Das Museum zeigt höchstens viele Aspekte des Komplexes #AndyWarholExhibits. Das hätte ja prinzipiell FACTION-Potenzial, denn die Ausstellungen bewegen sich auf verschiedenen Metaebenen. Und Meta ist – wie ich schon oft dargelegt habe – IMMER GUT.

Jedoch ist der Warhol-Fokus im mumok zu kleinteilig, und zu wenig auffällig, um UNVERGESSLICH zu sein. Was mir fehlt ist die große FACTION GESTE. Es fehlt ein selbstbewusster, dramaturgischer wie auch architektonischer, roter Faden. Eine gehörige Prise Hollywood, ein Hauch Epos – das wäre es gewesen, um es EINZIGARTIG zu machen. Die Ausstellung will viel, zeigt viel – traut sich aber nicht viel.

Nun, ob Hollywood oder nicht - es gilt: Auf zu Warhol! Denn in dieser Vielfalt wie im mumok trifft frau ihn selten an. Die Ausstellung mag zwar nicht einzigartig sein - Warhol ist es halt schon.
Ivana
Madame F
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*Andy Warhol Exhibits. A glittering alternative, Ausstellungsbegleitheft, Seite 1, Mumok. Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, 2020.

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